Sommergroßfahrt der Christlichen Pfadfinderschaft Ravensberg
Es ist kalt und erst sechs Uhr in der
Früh. Manch einer von uns hat die
Nacht nur wenig geschlafen oder ist gerade
erst mit dem Packen seines Affen
(traditioneller Felltornister) fertig geworden.
Doch diese morgendliche Frische
kann uns auch trotz kurzer Lederhosen
nichts anhaben. Denn heute geht es
endlich wieder auf Fahrt. Wir – das sind
Aimee, als einziges Mädel in unserer
Runde, Hendrik, Jens, Christian, Flo, Ben, Alex und ich – sind ein Freundeskreis
aus der Pfadfindergruppe der Neustädter Mariengemeinde im Alter zwischen 17
und 28 Jahren.
Unsere ersten Meter in Spanien führen uns über das Rollfeld des Flughafens,
wobei die dort herrschende flimmernde Hitze in uns allen nur einen Gedanken hervorruft: „In diesem Glutofen ist es unmöglich auch nur einen Meter zu gehen!“
Ein
Bus kutschiert uns nach Andorra la Vella, dem eigentlichen Ausgangspunkt
unserer Wanderfahrt.
Von Andorra aus wollen wir hinüber nach Spanien laufen und dann weiter die Pyrenäen
in nordwestlicher Richtung erkunden. Derzeit befinden wir uns noch auf
einer Höhe von knapp 1000 m, doch der Pass, den wir überqueren wollen, liegt auf
knapp 2700 m. Wir werden mehrere Tage benötigen, bevor wir in Spanien das erste
Bergdorf erreichen werden, also gilt es, ausreichend Proviant zu fassen.
Die fast unberührte Natur dieser bezaubernden Bergwelt entschädigt uns für alle
Strapazen. Hendrik, Jens, Christian, Flo und Ben lassen es sich nicht nehmen, trotz
dünner Luft mitsamt unserem grauroten Stammeswimpel den Gipfel eines (fast)
3000ers zu erklimmen.
Loses Geröll und vom Wind aufgepeitschter Staub erschweren uns anschließend
den Abstieg. Doch erneute Schneefelder bringen Flo auf die anfangs wohl nicht
ganz ernst gemeinte Idee: „Lasst uns doch die schneebedeckten Hänge mit unseren
Isomatten herunterrodeln!“
Jens ist der Erste, der Flos Vorschlag in die Tat umsetzt.
Und schon folgt ihm die ganze Horde den Hang hinab – alle in kurzen Hosen
und dabei den schweren Affen auf dem Rücken tragend.
Nach mehreren Tagen im Hochgebirge müssen wir wieder zurück in die Zivilisation.
Da! Dies könnte die letzte Biegung vor dem lang ersehnten Dorf Àreu sein. Doch
nein, wieder schlängelt sich der Weg nur weiter bis zur nächsten Kurve. Sollten wir
nicht schon längst am Ziel sein? Endlich kommt ein Wegweiser. Wir sind doch richtig,
aber vor uns sollen noch 1 h 20 min Fußweg liegen! Die Enttäuschung schlägt
in Frust um. „Haben wir uns so verschätzt? Oder welcher Experte hat da die Karte
gelesen?“ – Keine 15 min später passierten wir den lang ersehnten
Ortseingang.
Wir waren einem klassischen „Schildbürgerstreich“ aufgesessen.
Nach einem Tag Pause überbrückten wir die folgende Etappe nach Espot trampend in Zweiergruppen. Am Abend beginnt es dann zu regnen, doch wir finden einen
trockenen Unterschlupf. Proviant ist bereits für die nächsten Tage verstaut und vor
uns liegt der Nationalpark Aigüestortes i Estany de Sant Maurici.
Die strahlende Sonne des neuen Tages taucht die sich hoch erstreckenden grauen
Gipfel sowie auch die tiefer liegenden grünen Bergwiesen und Nadelwälder in ein
ganz besonderes Licht. Es erscheint uns fast unwirklich, nachdem in den vorangegangenen
Tagen die durch reichhaltige Eisenerzvorkommen rotbraun scheinenden
Bergwelten das Bild bestimmt hatten.
Des Nachts wird es hier oben im Nationalpark
teilweise bitterkalt. Aber dafür gibt es nichts Erfrischenderes, als in einem
Refugium (Berghütte) mit eiskaltem Wasser zu duschen, das direkt dem Berg entspringt.
Zurück in Lleida konnte uns selbst Aimee, die fließend spanisch spricht, bei
der Restaurantkarte auf katalanisch nicht mehr weiterhelfen. Zum Glück, wie sich
später herausstellte! Wir fragten daraufhin den Koch, ob er uns frei nach eigenem
Gusto einfach ein paar landestypische Köstlichkeiten servieren könne. Letztendlich
bekamen wir ein vorzügliches Sechs-Gänge-Menü, das den krönenden Abschluss
einer unvergesslichen Pyrenäenfahrt darbot.
Martin C. Hagitte |